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Freitag, April 17, 2026
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StartAfDDie Disruptionsenergie der Alternative für Deutschland

Die Disruptionsenergie der Alternative für Deutschland

Von DANIEL FIß* | Das politische Establishment schaut mit Sorge auf das kommende Jahr 2026. In fünf Bundesländern rechnet man schon heute mit AfD-Erdrutschsiegen. In zwei davon (Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern) könnte möglicherweise sogar die zuverlässigste AfD-Blockadeformel nicht mehr funktionieren: die einer politischen Gesamtkoalition der „Mitte“ gegen die vermeintlichen Ränder.

Absolute Mehrheiten für die AfD sind möglich. Sobald diese arithmetische Gewißheit einer „starken Mitte“ in der BRD-Politmechanik nicht mehr gilt, verschiebt sich logischerweise auch ein substanzielles politisch-kulturelles Paradigma.

Auch die Brandmauer steht in manchen Unionskreisen bereits zur Disposition, da sie ihren Zweck nur dann erfüllen kann, wenn sie den Christdemokraten am Ende auch Regierungsmehrheiten sichert. Die demoskopischen Realitäten zerstören den bisher gültigen politischen Konsens von Union bis Linkspartei, der sich ohnehin in Ritualen der  Selbstvergewisserung erschöpft. Die Brandmauer schützt die Identität der Mitteparteien, kann aber die tatsächlichen Repräsentationslücken nicht schließen.

CDU braucht Hilfe vom Psychologen

Das CDU-Präsidium kam daher vor einigen Tagen zu einer Klausurtagung über die künftige AfD-Strategie zusammen und ließ sich von Wahlforschern und Sozialpsychologen eine analytische Grundlage erstellen, auf der man die Wegmarken für das große kommende Wahljahr abstecken wollte.

Die Ergebniskommunikation dieser Klausur ist Friedrich Merz gründlich mißlungen. Er sprach von „härteren“ inhaltlichen Auseinandersetzungen und bestätigte die Vermutung, daß dieses Präsidiumstreffen letztlich nur selbstreferentiellen Bestätigungscharakter über die eigene Linie hatte.

Die CDU stand bei ihrer Strategieklausur in Berlin-Grunewald unter Druck. Einerseits wackelt die Brandmauer als identitätssicherndes Ritual, andererseits verlangt die Parteibasis mehr als Abwehrformeln. Merz ließ den Psychologen Stephan Grünewald ein psychologisches Lagebild der AfD-Wählerschaften zeichnen, wonach diese durch ein “Gefühl des Feststeckens” und “aufgestauter Bewegungsenergie” charakterisiert sei.

Deutsche misstrauen schwarz-roter Bundesregierung

In der AfD sähen die Menschen eine Art politischen Befreiungsknopf. Die Wahlpräferenz für die AfD sei jedoch vor allem bei neuen Wählern seit 2021 nicht so sehr durch eine enge programmatische Bindung und ideologische Identifikation geprägt, sondern auch von zahlreichen Störgefühlen in Bereichen der Rußland-Politik oder des Frauenbildes. Für die CDU blieb daher nur die strategische Ableitung, daß man diese “Störgefühle” in Zukunft inhaltlich noch stärker zuspitzen möchte.

Die Beliebtheitswerte der schwarz-roten Bundesregierung sind schon jetzt ähnlich schlecht wie die der Ampel in ihrem letzten Regierungsjahr. Von einer eigenen parlamentarischen Mehrheit wäre man laut aktueller Umfragen weit entfernt. Außerdem glaubt rund die Hälfte der Deutschen, daß auch diese Regierung nicht die reguläre Legislaturperiode überstehen wird.

Diese Fakten scheinen in der Union Ratlosigkeit hervorzurufen. Man glaubte, der AfD-Aufstieg der vergangenen drei Jahre sei lediglich Ausdruck kulturkämpferischer Affekte und Polarisierungen, die durch die linksdominierte Ampel-Koalition zugespitzt worden war. Merz versuchte zumindest kommunikativ, die CDU als eine konservativ-rehabilitierte „Stimme der Vernunft“ zu positionieren, die sich in Kontrast zur linken Ampel stellen wollte.

CDU sieht AfD-Aufstieg nur als „Systemunfall“

Zumindest in der Migrationspolitik bleibt die Bevölkerung bisher von harten Einschlägen wie zu Zeiten der Ampel weitgehend verschont. Die Asylzahlen sind tatsächlich zurückgegangen, der Familiennachzug wurde restriktiver gestaltet und Zurückweisungen an deutschen Grenzen wurden ebenfalls umfangreicher organisiert. Das alles reicht noch längst nicht so weit, wie es nötig wäre, aber ein Signal war es.

Dennoch zeigt sich in der Vorstellung der Union ein Widerspruch zwischen dem demoskopischen Stimmungstrend und der konkreten Umsetzung. Man geht immer noch von einem arg verkürzten Schema aus, nach dem eine politische Maßnahme stets in kausaler Beziehung zur Stimmung in der Bevölkerung stehe. Politik wird bei der Union als eine oberflächliche und technokratische Bilanzlogik betrachtet, deren Erwartungshorizont sich voll und ganz tagesaktuellen Trends der Aufmerksamkeitsökonomie unterwirft.

Ihr strategischer Grundreflex lautet: Verwaltung statt Repräsentation und lebensweltlicher Verankerung. Man rechnet mit einer Rückkehr zur „Normalität“, sobald die politischen Kosten der großen Streitfragen sinken. Der AfD-Aufstieg sei demnach nur ein Systemunfall und der Ausdruck irrationaler Emotionalität, was sich durch „bessere und rationalere Sachpolitik“ korrigieren ließe.

Deutungsmacht der Altparteien ist gebrochen

Das Vertrauen in die sogenannte politische Mitte ist jedoch nicht wegen einzelner Fehlentscheidungen erodiert, sondern weil ihre Deutungsmacht gebrochen wurde. Das alte Paradigma „Wir lösen Probleme, also vertraut uns“ funktioniert nicht mehr in einer Gesellschaft, die längst durch substantielle politisch-kulturelle Konfliktfelder geprägt ist.

Die Union interpretiert die AfD weiterhin durch die Linse der Protestparteienforschung der 1990er-Jahre, wonach sich politische Unzufriedenheit über temporäre Ventile kanalisieren. Diese Lesart funktionierte auch noch, solange die ehemaligen großen Volksparteien die Lufthoheit über ihre eigenen Milieus und die öffentliche Themenagenda hatten.

Der gegenwärtige politische Kultur- und Mentalitätswandel folgt jedoch einem anderen disruptiven Muster, das sich bereits tief in die emotionale Struktur der AfD-Anhänger eingeschrieben hat. Die Vertrauenskrise gegenüber dem Establishment äußert sich nicht nur in einzelnen politischen Maßnahmenbündeln, sondern in grundsätzlicher Art. Es gibt keine Differenzierungsebene zwischen „guter Lösung“ und „schlechter Lösung“ mehr, da sich kulturelle Identitätsmuster voneinander abgrenzen und zugleich selbst bestätigen.

Disruptionsenergie des Rechtspopulismus

Entscheidend für den eigenen politischen Bewertungshorizont ist, ob eine Stimme als Teil des Systems spricht oder als Gegenstimme. Das Politische entkoppelt sich somit von seiner Sach- und Verwaltungslogik und verlagert sich in grundsätzlichere gesellschaftliche Konfliktstrukturen (Stadt vs. Land, Jung vs. Alt, Mann vs. Frau, Arm vs. Reich, Anywheres vs. Somewheres usw.).

Die politische Mitte versteht die eigentliche Disruptionsenergie nicht, die mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus freigesetzt worden ist. Disruptionsenergie entsteht dort, wo Menschen mit ihren Erfahrungen und Wertvorstellungen dauerhaft nicht vorkommen. Sie bindet sich nicht an einzelne Politikfelder, sondern an allgemeine Marker, die den kulturellen Konsens völlig neu verhandeln (Ordnung, Sicherheit, Kultur etc.).

Am Ende entscheidet nicht die nächste Maßnahme, sondern die nächste Erzählung. Disruptionsenergie entsteht dort, wo Politik keine Deutungshoheit über Alltagserfahrungen mehr besitzt. Sie ordnet die Verhältnisse zum Politischen, zur Diskurskultur und zu den sozialen Beziehungen politischer Trägermilieus völlig neu.

Deutlich verbesserte Vertrauens- und Lösungskompetenzwerte für AfD

Die AfD ist längst in eine Phase eingetreten, in der sich innerhalb ihrer Anhängerschaft der Protestcharakter in eine soziale Milieustruktur transformiert. Ausweis dessen sind dabei nicht nur die gestiegenen Umfragewerte, sondern auch die zuletzt deutlich verbesserten Vertrauens- und Lösungskompetenzwerte für die Partei. Ab diesem Punkt beginnt, sich politische Bewegungsenergie zu verfestigen, zu verdichten und identitäre Räume zu schaffen. Diese reagieren nicht auf politische Verwaltungslogik, sondern auf kulturelle Repräsentation, lebensweltliche Anerkennung und Wertschätzung.

Kein Faktenchecker, kein mahnendes Zeitungscover, keine Sachauseinandersetzung, keine selbstreferenzielle Polit-Talkshow werden am Ende das identitäre und kulturelle Zentrum des AfD-Erfolgs richtig adressieren, solange man die dahinterliegenden Strukturen und Motive für die AfD-Wahl (Nativismus, Akademisierung und Elitenüberproduktion, Urbanisierung, Postmaterialismus, Wertewandel, subjektive Abstiegssorgen, Deindustrialisierung, Cultural-Backlash usw.) nicht verstanden hat.

Die CDU wird somit auch im Superwahljahr 2026 auf vermeintlich erfolgreiches Regierungsmanagement setzen und treffsicher an den Emotionsräumen der AfD-Anhängerschaft vorbeizielen.


*Daniel Fiß befasst sich intensiv mit den Fragen politischer Kommunikation und ihrer Wirkung und ordnet diese in grundlegende strategische Fragestellungen des rechtskonservativen Milieus ein. Seit 2020 betreibt er dafür den Feldzug Blog, in dem er sich regelmäßig Analysen zu Demoskopie, politischer Soziologie und Kommunikation widmet. Dieser Beitrag erschien im Original auf sezession.de

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14 Kommentare

  1. einerderschwaben 3. November 2025 Beim 14:16
    Hier, kurz und bündig alles zum Siffland Deutschland, erschaffen von der heiligen Angela & Co :
    https://www.focus.de/politik/selbstgefaellige-idioten-indischer-physiker-rechnet-mit-deutschland-ab_1a7bd645-1e4b-411b-8b5d-d71059523c77.html
    ———
    Da sollte Mayukh Panja erst mal nach Frankreich kommen, da ist alles, was er im FOCUS schildert, noch ’n Zahn schärfer: Deklassierung im Bereich der Schlüsseltechnologien, vor allem auch im Militärwesen, wo es bei dem ständigen Kriegstreiben des Emmanuel Macron besonders unangenehm auffällt. Die Drohungen sind eine Lachnummer, die Franzosen wissen das.

    Unternehmen in dem Sektor verlegen ihre Sitze weg aus Frankreich, nach China und in die USA, dort vor allem in Red States. In Frankreich auf Steuergeld ausgebildete Wissenschaftler gehen mit, jedes Jahr Hunderttausend mindestens. Leider geht Deutschland einen ähnlichen Weg, wie ich aus eigenem Familienkreis weiß. Der eine geht für VW nach China, der andere für ein traditionsreiches Unternehmen in der Produktion von Haushaltsgeräten nach Polen. Und Tschüs!

  2. Nur wenn die SPD, Grüne, BSW unter 5% bleiben kann die AfD es sicher schaffen auch wenn sie keine absolute Mehrheit erreicht. Ansonsten schließen sich die Systemparteien zu einer Blockpartei zusammen wie damals beim Walter.
    Bei der (Merkel-)/Merz-CDU gibt es keine Berührunngsängste mit den Linken und der Wagenknecht traue ich nicht.
    Viele pragmatische Ost-CDU’ler sind einer Koalition auf Länderebene nicht unbedingt abgeneigt. Die Frage bleibt aber offen ob sich die Bundes-CDU von der links-grünen Merkel-Politik absetzt und natürlich ohne Merz.
    Eine Rolle wird auch die wirtschaftliche Entwicklung spielen und natürlich die Entwicklung der Kriminalität welche untrennbar mit der Migranten-Frage zusammenhängt wie z.B im Stadtbild in Fürstenwalde: „“Nachts kannste hier am Bahnhof nicht rumloofen“. (Zitat leicht ‚um-Berlinert‘).
    https://www.welt.de/politik/deutschland/article68f73dca425f0450220e5201/nachts-kannste-hier-am-bahnhof-nicht-rumlaufen.html
    Fürstenwalde ist überall in den einst so verschlafenen Kleinstädten Ostdeutschlands.

  3. Eistee 3. November 2025 Beim 14:58
    (Ich sehe irgendwie den Sinn des Artikels nicht.)

    Ich auch nicht. Zumindest nicht so ganz. Ein Polit-Soziologe eben. Mehr Taktik und Pragmatismus bitte.
    Man schaue nur auf die Holland-Wahl, wovon die AfD viel lernen kann und auch wie man es nicht machen sollte.
    Die AfD darf niemals zu selbstgefällig und zu sicher sein, keine undifferenzierte Ausländer-Feindlichkeit predigen (ein Blick in die PKS hilft) und muß von dem 1-Themen-Image loskommen. Siehe Wilders.

  4. Ich sage nur das eine ;
    Wenn die CDU/CSU tatsächlich noch eine Partei der Mitte darstellt,
    bin ich ab sofort ein Linker !
    Diese Partei, macht seit 20 Jahren nur Politik gegen das Volk und mit
    dem Land und der Demokratie geht es seitdem nur noch bergab.
    Ihre reststriktive Politik fragt nicht nach des Bürgers Stimme, dass
    sieht man vor allen Dingen an der Unterwerfung zur Brüsseler Herrschaft.
    Und dieser Verein da oben, hat mit Demokratie gar nichts mehr zu tun.
    Als Oppositionspartei in der letzten Legislaturperiode hat die CDU/CSU
    total versagt, sie hat sich unübersehbar auf die Seite der Linken, sozialistischen
    Brut gestellt. Um wieder an die Macht zu kommen, im Wahlkampf
    nur durch Lügen gewählt, um jetzt wieder Linke Politik weiterhin zu betreiben.
    Diese Partei ist ein einziger Verrat an Deutschland und den Bio-Deutschen !

  5. Ausgerechnet der grüne Cem hat die Ursache erkannt und benannt, nämlich das besch** Politik gemacht wird, die überhaupt nicht die Interessen der Bürger im Blick hat. Wenn ich so lese, wo wir überall Hauptzahler sind und unser Geld hinschenken: Ukraine, Ghaza, Afghanistan, Syrien, Indien und China. Das ist unfassbar.

    Und dann will uns ein Popanz erzählen das wir uns die Mütterrente nicht mehr leisten können.

  6. die CDU/CSU hat als Partei ab Merkel versäumt.. odersogar einfach unterschlagen zu deffinieren was eigentlich in ihrem Sinne konservativ rechts -in der Mitte verortet bedeutet.Seit Merkel ist diese Partei dermaßen links abgedriftet dass sie der Überzeugung ist das ist nun konservativ aber nicht Rechts. Ob wohl diese meint, „Rechts neben uns hat keine andere Partei eine Berechtigung“. Kein Wunder, dass viele CDU/CSUler durch die eigene Linksverschiebung der Partei anderer Meinung waren/sind.
    Jetzt ist die Kacke am Dampfen von der linksgrünen SPD überrollt und von der AfD überholt.
    Fritze Merz… das wird nichts mehr. Das Übel geht nicht mehr lange -der Irrsinn Deutschland ist am Ende!

  7. Kurz habe ich kopfkratzend darüber nachgedacht, ob ein flacher Klingonenwitz oder ein Kommentar auf Klingonisch angebracht wäre, aber ich hab`s dann doch gelassen und Google bemüht.

    Der Autor bezieht sich wohl auf ein Äquivalent zu Disruptiver Technologie.

    Disruptive Technologien (oft auch „Disruptive Innovationen“; englisch to disrupt „unterbrechen“ bzw. „stören“) sind Innovationen, die die Erfolgsserie einer bereits bestehenden Technologie, eines bestehenden Produkts oder einer bestehenden Dienstleistung ersetzen oder diese vollständig vom Markt verdrängen und die Investitionen der bisher beherrschenden Marktteilnehmer obsolet machen.[1] Oftmals beschreibt Disruption den Prozess eines ressourcenarmen Unternehmens, das große und etablierte Firmen herausfordert.
    (…..

    https://de.wikipedia.org/wiki/Disruptive_Technologie

    Aber ja, ein Ersetzen und vom Markt Verdrängen der Einheitskoalition aus Brandmauer-Parteien finde ich gut.

  8. Die Energie der AfD –>
    ?? Siegmund Ulrich?? Wie viel Freiheit wollen wir noch aufgeben? #afd ? #news #cdu
    Überall Merkel Poller auf jedem Volksfest und die Polizei mit Stichfesten Westen ausgestattet ………
    wirverlieren unser Freiheit …das ist nicht normal selbst in kleinen Städten- wir wollen unser Land zurück –>
    https://www.youtube.com/shorts/XBd6Jp_GyVQ

    Merkel : „dann ist es nicht mehr mein Land“ – bereits vor 10 Jahren
    https://www.youtube.com/watch?v=G9BSD7anl6s
    (man achte mal auf Merkels Mundwinkel und ihren schiefen Kopf…. dies sagte 2015 schon sehr viel aus, welcher >Irrsinn unser Land bevorstand! Nicht umsonst entstand die AfD! )

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