Im Moskauer Studio prallten vergangene Woche zwei Welten aufeinander: Roger Köppel, der unbequeme Schweizer Weltwoche-Herausgeber und PI-NEWS-Lesern bestens bekannt, und Wladimir Solowjow, einer der schärfsten russischen Staatsfernseh-Stimmen, lieferten sich ein Gespräch, das weit über das übliche mediale Geplänkel hinausging. Es wurde hitzig, persönlich und schonungslos – genau das, was in Zeiten verordneter Einheitsmeinung viel zu selten vorkommt.
Solowjow verteidigte mit gewohnter russischer Wucht die Position Moskaus: die historische Bedrohung durch den Westen, die NATO-Osterweiterung, die Rolle der Ukraine. Köppel konterte mit westlicher Skepsis, bohrte bei historischen Brüchen nach, sprach Stalin an und hinterfragte die aktuelle russische Strategie. Die Chemie stimmte nicht immer – und genau das macht das Gespräch sehenswert. Keine falsche Harmonie, sondern ein echter Schlagabtausch zweier Männer, die ihre jeweilige Seite mit Überzeugung vertreten.
Roger Köppel zählt zu den wenigen Journalisten im deutschsprachigen Raum, die noch echte Unabhängigkeit wagen. Während die großen Leitmedien im Westen wie ferngesteuert dieselben Narrative wiederholen, reiste er während des Ukraine-Krieges erst nach Kiew, sprach mit Menschen vor Ort – und nur Tage später nach Moskau. Kein anderer bekannter Journalist hierzulande hat sich diese Mühe gemacht. Statt aus sicherer Distanz moralische Keulen zu schwingen, suchte er die Realität auf beiden Seiten. Das ist Journalismus, wie er sein sollte: neugierig, mutig, unbequem.
Solowjow wiederum steht für eine russische Medienwelt, in der der Westen nicht mehr als Partner, sondern als existenzieller Rivale gesehen wird. Seine Talkshows sind Kampfinstrumente – polemisch, emotional, manchmal übers Ziel hinausschießend. Im Westen wird er dafür reflexhaft als „Propagandist“ abgestempelt. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Auch er artikuliert eine tief sitzende russische Wahrnehmung, die man nicht einfach wegwischen kann, nur weil sie nicht ins westliche Narrativ passt.
Das Interview zeigt die tiefe Kluft im aktuellen Ost-West-Konflikt. Während der Westen vor allem von „Regeln“ und „Werten“ spricht, die er selbst oft genug bricht, pocht Russland auf harte Sicherheitsinteressen und historische Ansprüche. Beide Seiten werfen der jeweils anderen Heuchelei vor – nicht ganz zu Unrecht. Trotz aller Differenzen bleibt der Wert solcher Gespräche enorm. In einer Zeit, in der Cancel Culture, Sanktionswahn und Meinungsblockaden den Diskurs ersticken, ist es ein Zeichen von Stärke, wenn ein Schweizer Publizist einen der prominentesten russischen Moderatoren ans Mikrofon holt. Ohne Naivität, aber mit dem Willen zum Verstehen.
» Am Montag folgt Teil 2 des Interviews



Unsere Demokratie bei der Arbeit: CDU gewinnt OB-Wahl in Görlitz. Dank Briefwahlstimmen. Gratulation an die fleißigen Helfer.
Gefällt mir, dieser Wladimir Solowjow – temperamentvoll, kenntnisreich.
Da wünscht man sich, dass er einmal Herrn Merz zur Rede stellt. Aber dieser Kanzler scheint unbelehrbar und geschichtsvergessen zu sein. Noch zeigen die Russen Geduld – das wird sich ändern …
@A. von Steinberg
Merz kann sich nie im Leben auf eine solche Diskussion einlassen, weil er so zerlegt wird, daß nichts mehr von Ihm übrigbleibt, denn Merz glaubt, Einbildung sei Bildung, was aber definitiv nicht der Fall ist und auch nie der Fall sein wird.