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Warum Russland den Westen jetzt direkt ins Visier nimmt

Von MICHAEL THOMA | Am 15. April veröffentlichte das russische Verteidigungsministerium eine Liste von Unternehmen in europäischen Ländern, die nach Darstellung des Ministeriums an der Produktion von Kampfdrohnen für die Ukraine beteiligt sind (PI-NEWS berichtete). Aufgeführt werden Strukturen mit Verbindungen zu elf ukrainischen Rüstungsbetrieben und Sitzen in Großbritannien, Dänemark, Lettland, Deutschland, den Niederlanden, Litauen, Polen und Tschechien. Die offizielle Begründung war demonstrativ unverblümt: Die europäische Öffentlichkeit solle die Adressen jener Objekte kennen, die für die ukrainische Kriegsmaschinerie arbeiteten.

Wichtiger als die Veröffentlichung selbst ist das Signal, das Moskau damit sendet. Moskau macht damit deutlich, dass es die Ukraine nicht länger als vom übrigen Europa getrennten Kriegsschauplatz betrachtet. In der russischen Logik sind die europäischen Staaten nicht bloß solidarische Verbündete Kiews, sondern dessen materielle Basis – finanziell, industriell und technologisch. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Moskau gerade zu dieser Form der Drohung greift. Solche Aussagen richten sich nicht nur an das russische Publikum. Sie sollen in Europa die Kosten weiterer Unterstützung sichtbarer machen.

Im Westen hat dies bereits die übliche Welle alarmistischer Prognosen ausgelöst, wonach Putin kurz davorstehe, Europa anzugreifen. Wichtiger als dieser Alarmismus ist jedoch die Frage, warum solche Erklärungen aus Moskau gerade jetzt zu hören sind – und welchen Zweck sie erfüllen sollen.

Wie der Kreml den politischen Verlauf des Krieges deutet

Legt man die Rhetorik russischer Amtsträger zugrunde, stellt sich die gegenwärtige Lage im Kreml ungefähr so dar: Bereits im vergangenen Jahr sei nach dem Treffen zwischen Trump und Putin in Anchorage ein grober Rahmen für eine Beilegung des Krieges in der Ukraine vereinbart worden. In der russischen Darstellung sah dieser den Abzug ukrainischer Truppen aus dem Donbass sowie eine Reihe weiterer Zugeständnisse Kiews vor. Trump, so die Moskauer Lesart, habe diesen Rahmen im Wesentlichen akzeptiert und die ukrainische Führung darauf einschwören sollen. Doch Europa habe interveniert: Es habe sich einem solchen Szenario widersetzt, Selenskyj zusätzliche finanzielle und militärische Unterstützung zugesagt und damit dessen Bereitschaft zu Zugeständnissen weiter geschwächt.

Wie sehr dieses Bild dem tatsächlichen Verlauf der Verhandlungen entspricht, ist hier zweitrangig. Entscheidend ist etwas anderes: Offenbar erklärt sich der Kreml das Scheitern eines Kompromisses genau auf diese Weise. Wenn aber das Haupthindernis für die Umsetzung dessen, was in Moskau als „Geist von Anchorage“ gilt, vor allem in Europa gesehen wird, dann verlagert sich der politische Druck zunehmend auf die europäische Seite.

Darin liegt auch ein zweiter Grund für die aktuellen Drohungen. Russland reagiert erkennbar nervös auf die steigenden Waffenlieferungen an die Ukraine, insbesondere auf Drohnen, die für Angriffe auf russisches Territorium eingesetzt werden. Die Veröffentlichung der Produktionsadressen wurde unmittelbar mit diesem Thema verknüpft. Aus Moskauer Sicht geht es dabei um direkten Schaden für russisches Hoheitsgebiet und kritische Infrastruktur.

Aus dieser Logik ergibt sich eine praktische Zielsetzung: Europa soll aufhören, das wichtigste äußere Hindernis für jene Vereinbarungen zu sein, die Moskau für akzeptabel hält. Ein Weg dorthin besteht darin, den Europäern vor Augen zu führen, dass die Fortsetzung des gegenwärtigen Kurses einen direkten militärischen Konflikt mit Russland zu einem realistischen Szenario machen könnte.

Warum Europas bisheriger Umgang mit Drohungen an seine Grenzen stößt

Drohungen aus Moskau hat es auch früher gegeben. In Europa wurden sie meist entweder als Bluff oder als psychologische Begleitmusik des Krieges verstanden. Diese Haltung beruhte auf zwei Prämissen. Erstens: Solange Russland in der Ukraine gebunden ist, fehlen ihm die realen Möglichkeiten, eine weitere Front gegen europäische Staaten zu eröffnen. Zweitens: Der Kreml werde eine nukleare Eskalation nicht riskieren, solange der amerikanische Atomschirm über Europa besteht.

Aus diesen Prämissen erwuchs nicht nur eine beruhigende, sondern auch eine gefährliche Vorstellung: Europa könne davon profitieren, den Krieg in der Ukraine in die Länge zu ziehen.

Das Problem ist, dass genau diese Logik zum gegenteiligen Ergebnis führen kann. Das Risiko eines großen russisch-europäischen Krieges entsteht nicht erst nach einem Ende des Ukraine-Krieges, sondern gerade durch dessen Verschleppung. Je länger Europa Produktionsbasis und wichtigste externe Quelle der militärischen Widerstandsfähigkeit Kiews bleibt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass Moskau das europäische Engagement nicht mehr als indirekte Unterstützung, sondern als kritische Einmischung in den Krieg betrachtet.

Die EU-Staaten verhängen Sanktionen, versuchen Kanäle des russischen Exports zu blockieren, beteiligen sich an der militärtechnologischen Versorgung der Ukraine und liefern Geheimdienstinformationen sowie Waffen, die für Angriffe auf russisches Territorium eingesetzt werden. Sollte man in Moskau irgendwann zu dem Schluss kommen, dass die Summe dieser Maßnahmen die Erfüllung der eigenen militärischen Ziele entscheidend erschwert und Russland an den Rand einer Niederlage bringt, könnte ein Konflikt mit Europa als das kleinere Übel erscheinen gegenüber dem passiven Hinnehmen eines solchen Szenarios. Genau darin liegt derzeit der gefährlichste Pfad in einen Krieg zwischen Russland und Europa.

Welche Entwicklungen eine Eskalation beschleunigen könnten

In den vergangenen Monaten haben sich mehrere Vorfälle ereignet, die unter bestimmten Umständen genau in diese Richtung weisen könnten.

Erstens: die Intensivierung europäischer Maßnahmen gegen Tanker der sogenannten Schattenflotte. Diese Praxis bewegt sich ohnehin bereits in einer völkerrechtlichen Grauzone. Sollte sie weiter ausgeweitet werden, könnte eine Konfrontation im Seeverkehr zu einem der kürzesten Wege in eine direkte Krise zwischen Russland und europäischen Staaten werden. Der Übergang von wirtschaftlichem Druck zu einem gewaltsamen Zwischenfall wäre hier erschreckend leicht.

Zweitens: die Angriffe ukrainischer Drohnen auf Ziele im Leningrader Gebiet, insbesondere auf Hafeninfrastruktur. Russische Medien behaupteten, ein Teil dieser Drohnen sei aus Richtung Estland in den russischen Luftraum eingedrungen. Von der estnischen Grenze bis zum Hafen Ust-Luga sind es nur rund 25 Kilometer – was die Abwehr solcher Angriffe tatsächlich erheblich erschwert.

Offiziell weisen die baltischen Staaten solche Darstellungen zurück und erklären das Auftauchen von Drohnen in ihrem Luftraum mit der Wirkung russischer Systeme elektronischer Kampfführung, die die Flugkörper vom Kurs abbringen. Öffentliche, objektive Belege dafür, dass Drohnen Russland tatsächlich über das Territorium baltischer Staaten erreichen, liegen bislang nicht vor. Doch in der großen Politik werden Entscheidungen oft nicht auf Grundlage zweifelsfreier Beweise getroffen, sondern auf Basis der jeweils wahrgenommenen Bedrohung. In einem sich rasch zuspitzenden Krisenumfeld wird die Grenze zwischen erwiesenem Fakt und politisch wirksamem Verdacht schnell schmal.

Die Gefahr muss sich deshalb nicht zwangsläufig zuerst in Form eines Beschlusses zum großen Krieg zeigen. Moskau könnte zunächst zu einem begrenzten Militärschlag, einer Sabotageaktion, einem Cyberangriff oder einer hybriden Operation unter falscher Flagge greifen – in der Erwartung, dass bereits dies genügt, um den europäischen Kurs zu korrigieren. Vor diesem Hintergrund erscheinen Angriffe auf Objekte, die mit der Drohnenproduktion für die Ukraine in Verbindung stehen, nicht länger als rein rhetorisches Konstrukt.

Warum Europa in die Logik seines eigenen Kurses gerät

Die europäischen Regierungen folgen vorerst offenbar dem bequemsten aller Wege: Sie ignorieren die Drohungen und behandeln sie weiterhin als Bluff. Doch dieser Kurs hat einen hohen Preis. Sollte sich diese Annahme als Irrtum erweisen und es tatsächlich zu Angriffen kommen, geriete Europa in eine äußerst prekäre Lage.

Die Wahl wäre in jedem Fall unerquicklich. Entweder man reagiert nicht – und legt damit die eigene Verwundbarkeit sowie politische Schwäche offen. Oder man antwortet mit Gewalt – und riskiert eine rasche direkte Konfrontation mit Russland bis hin zu einer nuklearen Eskalation, ohne die Gewissheit zu haben, dass die Vereinigten Staaten bereit wären, in einem solchen Konflikt automatisch die Hauptlast zu tragen. Westliche Publikationen stellen genau diese Frage bereits: Wie belastbar wären amerikanische Sicherheitsgarantien in einer Krise, die Europa selbst mit herbeigeführt hat?

Es ist deshalb kaum zufällig, dass die Geheimdienste Deutschlands und mehrerer anderer NATO-Staaten die Erklärungen Moskaus Berichten zufolge ernst nehmen. Rüstungsunternehmen wurden vor erhöhten Risiken von Sabotage und Cyberangriffen gewarnt. Das erinnert kaum an das Verhalten von Akteuren, die die Bedrohung für völlig substanzlos halten.

Daraus ergibt sich die zentrale politische Schlussfolgerung: Für Europa stellt sich die Wahl zwischen der Fortsetzung der bisherigen Linie gegenüber der Ukraine und ihrer Anpassung an ein Verhandlungsszenario längst nicht mehr als einfache Entscheidung dar. Die alte Strategie aufrechtzuerhalten wird immer schwieriger; sich jedoch von ihr zu lösen, ohne eigene Fehlkalkulationen einzugestehen, fällt den europäischen Hauptstädten offenkundig schwer.

Welcher Ausweg noch bleibt

Eine wirkliche Sicherheitsgarantie für Europa, Russland und die Ukraine liegt nicht in einer weiteren Erhöhung der Einsätze, sondern in einer möglichst weitgehenden strategischen Normalisierung der Beziehungen zwischen Europa und Russland. Erst in einer solchen Logik würde die Ukraine aufhören, Schauplatz einer geopolitischen Schlacht zu sein; erst dann hätten weder Russland noch die NATO-Staaten ein dauerhaftes Interesse daran, einander an den Rand der Eskalation zu treiben.

Davon sind wir gegenwärtig freilich weit entfernt. Die Entwicklungen weisen eher in die entgegengesetzte Richtung. Vor dem Hintergrund der großen geopolitischen Verschiebungen des Jahres 2026 ist eine vorsichtige Annäherung jedoch nicht völlig ausgeschlossen – so schwierig sie im Moment auch erscheinen mag.

Eine solche Wende verlangte Bewegung von allen Seiten. Die Europäische Union müsste anerkennen, dass das Setzen auf eine endlose Verlängerung des Krieges den Kontinent nicht sicherer macht. Russland müsste nicht nur eine militärische, sondern auch eine politische Lösung ernsthaft verfolgen – und damit seinerseits auf die Gegenseite zugehen. Die Ukraine und Russland wiederum werden über die Bedingungen eines Friedens und des Zusammenlebens nach dem Krieg ohnehin verhandeln müssen, so schmerzhaft solche Gespräche auch sein mögen.

Eine einfache Lösung gibt es nicht. Die Europäische Union ist innerlich heterogen; abrupte Kurswechsel fallen ihr schwer. Auch für Moskau wäre eine erneute Annäherung an Europa politisch wie strategisch alles andere als leicht. Doch die Alternative ist noch schlechter.

Letztlich geht es daher nicht mehr um die Frage, ob einem eine Verhandlungslogik gefällt oder nicht. Die eigentliche Frage lautet: Ist Europa weiterhin bereit, von der Annahme auszugehen, man könne die Einsätze immer weiter erhöhen, ohne dafür einen unmittelbaren Preis zu zahlen? Gerade diese Annahme könnte sich als der folgenreichste Irrtum der europäischen Strategie erweisen.

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3 Kommentare

  1. Die Walter Hallstein- Nazis sollen sich aus dem Krieg raushalten. Wir haben andere, selbstgemachte Probleme.

  2. derweil wird Neuer Lebensraum im Osten der Ukrainischen Kornkammer
    requiriert….
    https://journalistenwatch.com/2026/04/23/hochverrat-waehrend-die-wohnungsnot-in-deutschland-immer-groesser-wird-foerdert-die-bundesregierung-den-wohnungsbau-in-der-ukraine/
    Die Bundesregierung will nun „bezahlbaren sozialen Wohnraum“ fördern; eigentlich eine gute Nachricht angesichts des katastrophalen Wohnraummangels in Deutschland. Doch, Moment: Das Vorhaben ist gar nicht auf Deutschland bezogen – sondern gilt dem Staat, dem sich diese Regierung und dieser Kanzler vorrangig verpflichtet fühlen – der Ukraine! Das ist kein schlechter Scherz, sondern bitterer Ernst.

    Handlungsfähig ist diese Regierung nur noch bei fremden Interessen, und einig immer dann, wenn Entscheidungen zum maximalen Schaden Deutschlands anstehen.

  3. Herr Thoma geht davon aus, dass Westeuropa aus eigenem Antrieb handelt und handeln kann. Das halte ich für unwahrscheinlich. Willige Erfüllungsgehilfen für die Nudelmann-Kagan-Fraktion und deren Putsch- und Eskalationstaten: ja. Eigene strategische Entscheidungen: welche denn? Den Krieg in die Länge ziehen, damit Selensky noch mehr ukrainisches Volksvermögen an US-Konzerne verschenken muss? (siehe Agrarflächen und Rohstoffdeals: alles jetzt in US-Hand; was gehört denn der EU in der Ukraine? Gar nichts.) Wie will das tolle Europa denn aus dem Projekt jemals irgendeinen Nutzen ziehen?
    Der einzige Gewinner sind die USA, auch bei noch länger andauerndem Krieg: Waffenlieferungen an die Ukraine bedeutet vor allem auch: Waffenkauf in den USA mit riesigem Cash-flow in genau eine Richtung.
    Machen wir uns doch nichts vor: die US-Kolonie Dummland „darf“ den US-Krieg finanzieren. Und vielleicht gibt es Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Tramp-Lager und den „Demokraten“ über die Kriegslänge. Mehr aber auch nicht. Und Blacky-Rocky-Fritz ist sicher niemand, der machtvoll gegen US-Interessen agiert und den angeblich nicht mehr gewollten Krieg eigenmächtig verlängert, oder glaubt das irgendjemand?
    Weiterer Verdacht: solange Russland gegen die Ukraine gebunden ist, sind die ganzen USrael-Eroberungen in Syrien, Venezuela und aktuell gegen Iran abgesichert: Russland ist zu geschwächt, um einzugreifen (das waren alles russische Verbündete, liebe Freunde mit den US-Fähnchen unter der Kalotte).
    Bis der Iran erledigt ist, muss die Ukraine noch durchhalten. Danach kümmert sich der gemeinsame Wertewesten um die nächsten Ziele: Kuba, Serbien, Georgien, Transnistrien. Und spätestens 2029/30 sehen wir uns dann auf dem Weg nach Osten. Hoffentlich geht vorher das Geld aus.

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